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Herstellen von Smartphones und Computer - Arbeitsrechtsexperte Pak Kin Wan im Interview

„Mindestlohn reicht nicht zum Leben“ - Das nachhaltige Interview. Unter welchen Arbeitsbedingungen unsere Smartphones und Computer in China hergestellt werden und warum er als schlechter Bürger gilt, schildert der Arbeitsrechtsexperte Pak Kin Wan im KONSUMENT-Interview.

Ein großer Teil der von Konsumenten in Europa verwendeten elektronischen Geräte wie Smartphones, Tablets

Pak Kin Wan Arbeitsrechtsexperte; Bild: Südwind

Arbeitsrechtsexperte
Pak Kin Wan

oder Computer wird in der Volksrepublik China produziert. Der Output der chinesischen Fabriken ist schwindelerregend hoch.

Einblicke in die Menschenrechts­situation und die Arbeitsbedingungen in den Fabriken gibt uns Pak Kin Wan von der chine­sischen Arbeits&shyrechts­organisation Labour Education and Service Network (LESN).

Wie beurteilen Sie die allgemeine Menschenrechtssituation in China?
Es gibt ein System der gesellschaftlichen Bewertung, das gutes, also systemkonformes Benehmen belohnt. Wenn du beispielsweise dein Auto an einem falschen Platz parkst, bekommst du einen Minuspunkt. Wenn du reich und gebildet bist, gehörst du zu den Guten. Wenn du dich kritisch in sozialen Medien äußerst, zu den Bösen. Alles läuft darauf hinaus, dass die Menschen einander bewerten. Am chinesischen Festland wächst die Kontrolle der Regierung über die Bevölkerung an. In Hongkong, wo unsere Organisa­tion ihren Sitz hat, ist die Lage zwar besser, weil es direkte Wahlen und Redefreiheit gibt, die Wahlen werden jedoch ebenfalls von der Regierung kontrolliert. Bei der letzten Wahl beispielsweise hat die Regierung einem Kandidaten das Recht zur Teilnahme ver­weigert, weil er sich für mehr Demokratie eingesetzt hat.

Und wie ist die Lage für die Arbeiter?
Es gibt viele Wanderarbeiter, die aus ärmeren Regionen in die Städte ziehen. Das Problem dabei: Man hat in dem Ort, wo man bei der Geburt registriert wird, gewisse Rechte, die verloren gehen, sobald man den Wohnort wechselt. In den Städten gibt es ein besseres Sozialsystem, das jedoch von Zugezogenen nicht genützt werden kann – auch nicht, wenn sie bereits jahrelang dort leben. Daher sind viele Arbeiter auf ihre Arbeitgeber an­gewiesen, die das wiederum ausnutzen.

Wie sehen die Arbeits­bedingungen in der Elektronikindustrie aus?
Die Menschen arbeiten 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Das Arbeitsrecht sieht vor, dass bei einer Arbeitszeit über acht ­Stunden Überstunden ausgezahlt werden müssen, aber daran hält sich niemand. Die Menschen arbeiten so viele Stunden, weil der Mindestlohn nicht zum Leben ausreicht. Als in der Region Shenzhen (eine Sonderwirt­schafts­zone, die Hongkong mit dem chi­nesischen Festland verbindet, Anm.) die ­Mindestlöhne angehoben wurden, verlegten viele Unternehmen ihren Standort nach Nord- und Westchina, in ärmere Regionen, wo die Menschen ungebildeter sind. In Südchina, wo wir gemeinsam mit anderen NGOs viel Aufklärungs­arbeit leisten, haben sich die Bedingungen in der Elektronik- und Bekleidungsindustrie bereits etwas verbessert.

Gibt es weitere Kritikpunkte?
In der Produktion von Smartphones werden billige Chemikalien verwendet, die gesundheitsschädlich sind. Ich habe mit einer Arbeiterin gesprochen, die nach dem Reinigen von Touchscreens ihre Hände nicht mehr bewegen konnte; die Lähmung breitete sich schließlich auf den ganzen Körper aus – und sie ist nicht die einzige Betroffene. Frauen machen meist den Teil der Arbeit, der am schlechtesten bezahlt ist. Problematisch ist, dass erkrankte Arbeiter eine Arztbestätigung benötigen, um eine Entschädigungszahlung zu erhalten. Die Ärzte werden jedoch von den Unternehmen und der Regierung beeinflusst.

Gibt es Gewerkschaften?
Es gibt nur eine Gewerkschaft, die All China Federation of Trade Unions (Gesamtchinesischer Gewerkschaftsbund, Anm.), und pro Betrieb nur eine Vertretungsperson. Da die Gewerkschaft Teil der regierenden kommunistischen Partei ist, vertritt sie nicht die Interessen der Arbeiter, sondern die der Unternehmen. In den vergangenen drei Jahren hat es rund 6.000 Streiks gegeben – wegen ausständiger Kompensationszahlungen oder fehlender Sozialversicherung –, aber keiner davon hat zum Erfolg geführt. Die Anführer wurden zum Teil verhaftet.

Welche Marken lassen in China produzieren?
Alle großen Anbieter von Apple über Samsung bis Nokia lassen ihre Produkte in China herstellen, einer der größten Zulieferer ist Foxconn. Nachdem die Kritik an Foxconn ­wegen ausbeuterischer Arbeitsbedingungen gewachsen war, lagerte die Firma Arbeiten an Subunternehmen aus, von denen wir ­wenige bis gar keine Informationen über Arbeits­bedingungen bekommen. Wir gehen davon aus, dass diese Unternehmen sich nicht an gesetzliche Vorgaben halten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag bei LESN aus?
Wir organisieren Trainings für Arbeitsrecht, unterstützen Arbeiter in rechtlichen Belangen. Gerade die Arbeiter aus ärmeren Regionen sind oft ungebildet und haben kein Wissen darüber, wie sie sich schützen können. Da es für uns oft schwierig ist, die Betroffenen zu kontaktieren, arbeiten wir mit Partnern aus anderen Organisationen oder auch mit Anwälten zusammen. Früher gab es den Leuten aus Hongkong gegenüber mehr Vertrauen, weil die Menschen hier oft besser ausgebildet sind. Aber in den vergangenen fünf Jahren hat die chinesische Regierung ­Aktivisten aus Hongkong gezielt diskreditiert und sie teilweise zu Spionen erklärt.

Wird seitens der Regierung Druck auf Sie ausgeübt?
Fest steht, dass wir überwacht werden. Wir hatten ein Training, zu dem ein Arbeitsrecht-­Aktivist eingeladen war, und die Polizei kam, um mit ihm zu sprechen. Sie wussten genau, wohin sie gehen mussten. Unsere Telefone werden abgehört und die Leute von der Regierung können uns über GPS orten. In Hongkong sind wir relativ sicher, aber in Festland-China ­müssen wir uns vorsichtig bewegen und bei der Wahl unserer Partner sehr sorgfältig vorgehen. Fest steht auch, dass ich aufgrund meiner kritischen Haltung gegenüber unserer Regierung und wegen meiner Arbeit als schlechter Bürger gelte (lacht).

Weitere Probleme in der Produktion

Das Interview wurde im Beisein von Matthias Haberl geführt, der für die Elektronikindustrie in Hongkong und Südchinaüber die Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie in Hongkong und Südchina recherchierte. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen und Erkenntnissen.

Exportnation China

China ist das größte Exportland der Welt, im Jahr 2016 wurden Computer im Wert von 173 Milliarden US-Dollar und Telefone im Wert von 109 Milliarden US-Dollar exportiert. Große Firmen haben sich zwar zur Responsible Business Alliance zusammengeschlossen, ernsthafte Versuche, die Arbeitsbedingungen der vielen Millionen betroffenen Arbeiter zu verbessern, fehlen aber.

Während die Gewinnmargen von Computern und Handys enorm sind, stagniert laut Südwind das Gehalt der Arbeiter z.B. beim Zulieferunternehmen Foxconn seit 2012 bei 300 Euro pro Monat.

Weitere Probleme in der Produktion sind

  • Unzureichende Schulung und Aufklärung der Arbeiter in Bezug auf Gefahren und Gesundheitsgefährdung bei ihrer Arbeit
  • Enormer Druck auf die Arbeiter
  • Körperliche und psychische Gewalt gegen die Arbeiter
  • Kein Zugang für Monitoring-Organisationen
  • Massive Umweltverschmutzung, die auch die Menschen in den jeweiligen Städten und Regionen betrifft, und fehlende Sanktionen den Firmen gegenüber.

Was kann ich tun?

  • Benutzen Sie Ihre elektronischen Geräte so lange wie möglich.

  • Lassen Sie Ihren Computer bei darauf spezialisierten Firmen (wie z.B. Com- puritas) erneuern; werfen Sie defekte Elektrogeräte nicht weg, sondern lassen Sie sie bei Reparaturinitiativen reparieren (oder versuchen Sie es in Repair Cafés selbst); Infos auf www.repanet.at

  • Erwägen Sie den Kauf eines modularen Smartphones, bei dem einzelne Teile ausgetauscht werden können, z.B. Fairphone oder Shiftphone.

  • Bewusstes Laden (nie völlig Ent- und Aufladen) und das Ausschalten nicht verwendeter Services kann die Lebensdauer des (Smartphone-) Akkus verlängern.

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